
Seit Juli 2004 bin ich Patin bei
Harambee Kwa Watoto und in den Briefen von meinem Patenkind Stephen
tauchte immer wieder die Frage auf: "Please, will you come
to visit me?". Als ein Jahr später im Forum die Idee
einer gemeinsame Patenreise entstand, begann sich die Antwort
auf Stephen's Frage langsam in Worte zu formulieren. Im Februar
2006 fand ich mich zusammen mit anderen Patinnen und Paten in
Nairobi wieder. Ich gebe zu, im Vorfeld der "Safari"
durchlebte ich den einen oder anderen Tag in einem Wechselbad
der Gefühle: zu der ersten Euphorie, tatsächlich nach
Afrika zu reisen - auf einen Kontinent, den ich vorher noch nie
besucht hatte - gesellten sich zeitweilig Gedanken wie: "Was,
wenn mein Patenkind und ich uns gegenüber stehen und wir
nicht wissen, worüber wir reden sollen?" oder "Wie
schlimm wird es in den Slums wirklich sein?". Ich las von
der Wasserknappheit und hörte von den Hungersnöten in
Kenia, aber die Vorfreude, meine inzwischen 2 Patenkinder endlich
persönlich kennen zu lernen und die Schulen zu sehen, überwog
deutlich. Außerdem war ich sehr froh, diese Patenreise in
einer Gruppe zu unternehmen. Ich bin Claus und Tine heute noch
sehr dankbar, dass sie so viel für uns im Vorfeld und während
der Reise organisiert haben. Nach einem langen Flug von Hamburg
via London nach Nairobi und einer Erzähl-Nacht mit meiner
Zimmergenossin Nicole, war ich am nächsten Tag müde
und trotzdem völlig aufgedreht: "Heute ist es soweit,
wir fahren nach Kwa Watoto!" Die Fahrt durch Nairobi und
die Slums war aufregend, durch Fotos und TV-Berichte aus ähnlichen
Slums war ich ansatzweise auf die ärmlichen Hütten und
"Bretterbuden" vorbereitet und trotzdem saß mir
erst einmal ein ganz schöner Kloß im Hals. Es ist schon
ein Unterschied, solche Lebensbedingungen von der Couch aus im
TV anzugucken oder das direkt mit eigenen Augen zu sehen.
Kurz vor der Schule begannen viele Kinder, neben den beiden Autos herzulaufen und zu winken und "How are you?" zu rufen. Dabei lachten sie immer so fröhlich und ich winkte lachend zurück. Diese Zeremonie sollte sich bei jedem Besuch von Kwa Watoto wiederholen und so manches Mal huscht mir heute noch ein Lächeln über das Gesicht, wenn ich daran denke. Als sich das Tor zur Schule öffnete, war alles viel kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte.
Da Nehemiah noch nicht
da war, führte uns ein Lehrer in der Schule herum und zeigte
uns die einzelnen Klassenräume. Meine Güte, war ich
aufgeregt, mein zweites Patenkind Stephen (er heißt ebenfalls
Stephen, wie das erste Patenkind, dass nun St. Maths besucht)
kennenzulernen. Der "kleine" Stephen geht in die 3.
Klasse und ich hatte die Patenschaft vor noch nicht all zu langer
Zeit übernommen. Ich besaß von Stephen zwei ältere
Fotos und fragte mich ernsthaft, wie ich mein Patenkind unter
so vielen Kindern erkennen sollte. Es schien mir unmöglich.
In jeder Klasse wurden wir herzlich willkommen geheißen und in einigen Klassen haben die Kinder auch ein Begrüßungslied gesungen. Die neuen Klassenräume der 7. und 8. Klasse fand ich richtig hübsch. Die bunten Wände (eine große Weltkarte bzw. eine gemalte Meeres-Landschaft mit Fischen, Wasserpflanzen und Krabben) haben mich sehr an meine eigene Schulzeit erinnert.
Die anderen Klassenräume
sahen leider nicht so schön aus, insbesondere die Räume
der 4. Klasse waren in einem schlechten Zustand. Bis auf die beiden
neuen Klassenräume waren die Räume sehr dunkel, die
Baby-Class, Nursery und Pre-Unit teilen sich einen einzigen großen
Raum - bestimmt kein leichtes Unternehmen für die 3 Lehrerinnen.
Die Lernbedingungen waren für mich teilweise unvorstellbar
und haben mich sehr nachdenklich gemacht - gleichzeitig war ich
froh, dass die Kinder überhaupt eine Schule besuchen können.
Aber nun endlich sollte es in die 3. Klasse gehen, in der so einige Patinnen Patenkinder hatten. Als ich den Raum betrat, sah ich erst einmal nur Kinder über Kinder. Aber es dauerte nur kurz und für mich stand fest: Der Junge dort oder der Junge da, einer von beiden ist Stephen! Ich war über mich selbst erstaunt. Die Auflösung des Rätsels musste aber noch eine Weile warten, weil wir ja erst von allen im Chor begrüßt wurden. Kaum war das beendet, lief der eine der beiden Jungs grinsend los und auf mich zu. In dem Moment konnte ich einfach nur noch die Arme öffnen und ihn knuddeln. Alle "Ich werde mein Patenkind nicht erkennen" - Gedanken waren wie weggepustet und ich war einfach nur glücklich, dass Stephen so erfreut auf mich zugelaufen ist.
Von da an war Stephen ein fester Bestandteil meiner Kwa Watoto - Zeit, in jeder Pause kam er auf mich zugelaufen. Er stellte mir seine Freunde vor und auch seine beiden Geschwister Hillary und Gloria. Am Montag stand sogar seine Mama vor der Schule, mit einem weiteren Geschwisterchen auf dem Arm. Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich sogar einen großen Teil seiner Familie kennen lernen darf.
Leider
kann Stephen noch nicht so gut Englisch. Während er am ersten
Tag noch nicht so viel erzählt hatte, taute er von Tag zu
Tag mehr auf. Der Ausflug am Donnerstag zum Giraffen-Zentrum war
für ihn etwas ganz besonderes. Zum ersten Mal stand er einer
lebendigen Giraffe gegenüber und durfte sie streicheln und
füttern. Ich hatte ihm für diesen Tag eine Einwegkamera
gegeben, auf die er sehr stolz war. Da ich glaubte, er sei noch
zu klein, um sie nach Hause mitzunehmen und selbstständig
zu bedienen, haben wir die Fotos einfach gemeinsam gemacht. Der
Video-Film, den wir alle gemeinsam im Giraffen-Zentrum geguckt
haben, hat Stephen sehr beeindruckt. Er hat ständig den Fernseher
fotografiert! : Die Bilder sind natürlich nichts geworden,
aber er war so glücklich beim Fotografieren.
In
Kwa Watoto waren in der Pause um jeden Paten herum immer viele
viele Kinder. Sie fragten mich auch häufig, ob ich ihre Paten
kenne und dass ich sie doch unbedingt grüßen solle.
Die Patenkinder sind sehr stolz auf ihre Paten. Ständige
Begleiterinnen von mir waren auch Winnie und Cecilia.
Ich tat mich wirklich immer schwer, mir die vielen ungewohnten Namen der Kinder zu merken, bei Winnie war das kein Problem. Sie stellte sich mir am ersten Tag vor mit "My name is Winnie, like Winnie the Pooh!" und lachte mich an. Winnie habe ich auch an allen anderen Tagen sofort wieder erkannt. Ich war sehr gern mit ihr beisammen und habe mit ihr geredet und gelacht. Sie hat mir sogar Tanzschritte beigebracht. Winnie hat in Nairobi meine Seele ganz besonders berührt und ich bin sehr froh, dass ich nach der Reise die Patenschaft für sie übernehmen durfte.
Besonders schön fand ich auch die Spieltage in Kwa Watoto. Die Kinder hatten so viel Spaß bei "Rot-Gelb-Grün", der ganze Schulhof bebte unter den Kinderfüßen und es war eine einzige Staubwolke. Das fröhliche Lachen der Kinder hat mich manchmal vergessen lassen, in welch schwierigen Lebensbedingungen sie leben.
Die Kinder sind so glücklich, in die Schule gehen zu dürfen. Sie tragen ihre Schuluniform mit Stolz. Drei Mädchen baten mich einmal darum, dass ich sie zusammen fotografieren möchte. Aber ich sollte warten, bis sie ihre Uniform-Pullover übergezogen hatten.
Die
Kinder freuen sich sehr über Fotos, sie lieben es, Fotos
anzugucken, sie lieben es, für Fotos zu posieren und sie
lieben es, wenn sie selbst einmal auf den Auslöserknopf eines
Fotoapparates drücken dürfen. Sie lauschen jeder kleinen
Geschichte, die man erzählt. Sie berühren immer wieder
die weiße Haut und die weichen Haare und kichern dabei.
Die ganz Kleinen sind sehr "verkuschelt", sie wollen
so gern an die Hand genommen werden oder auf dem Arm getragen
werden. Generell werden alle Kinder sehr gern gedrückt und
in den Arm genommen.
Der Abschied von Kwa Watoto war nicht leicht, bei Cecilia flossen bereits am Mittwoch die Tränchen, dabei war das gar nicht unser letzter Tag an der Schule. Die letzten Minuten an der Schule verbrachte ich am Freitag mit Stephen, Cecilia, Winnie und zwei anderen Mädchen aus der 6. Klasse. Eigentlich hatte der Unterricht schon begonnen, aber die Mädels kamen extra noch einmal aus dem Klassenraum heraus und die Lehrerin war verständlicherweise nicht wirklich erfreut darüber. Das letzte Foto, was ich dort gemacht habe, lässt mich immer wieder an den Abschied denkenund dann blättere ich ganz schnell weiter zu den Fotos in der St. Mathew Schule.
Als ich St. Mathew zum
ersten Mal gesehen habe, dachte ich, hoffentlich fallen die Balkone
nicht ab. Irgendwie wirkte alles baufällig auf mich. Im Treppenhaus
war es schrecklich dunkel und man musste sich erst mal daran gewöhnen.
In der ersten
Etage befindet sich
auch noch eine völlig andere Schule, also hieß es erst
Mal Treppen steigen. In St. Mathew erhielten wir am Dienstag auch
eine Schul-Führung.
Die Klassenräume fand ich teilweise wahnsinnig klein und als Diana mir später erzählte, dass im Durchschnitt bis zu 55 Schüler in einer Klasse sind, dachte ich nur: "WOW!". In der form 2 sitzen die Kinder so dicht vor der Tafel, dass gerade noch der Lehrer zwischen den Schulbänken und der Tafel stehen kann. Das Foto ist in der Eingangstür des Klassenraumes entstanden. Es war grad Pause und die Tafel befindet sich links von der Eingangstür.
Der berühmte Foto-Balkon
(es gibt mehrere Balkons, aber das ist eben der uns allen bekannte)
entwickelte sich zu einem beliebten Aufenthaltsort. Dort war es
hell und man konnte sich gut
unterhalten
und eine Foto-Session jagte die nächste. Es hat unheimlich
Spaß gemacht, weil gerade die Teenager gerne in allen möglichen
Kombinationsvarianten (die Freundin mit der Freundin, der Freund
gern mit dem Kumpel usw.) posierten und rumalberten.
Mein Patenkind Stephen hatte ich bereits am Sonntag auf dem Ausflug in den "Ngong Forest Sanctuary" besser kennen gelernt, da war das Erkennen auch kein Problem. Er entpuppte sich als super Fotograf, so dass ich ihm guten Gewissens meine Digitalkamera in die Hände drücken konnte. Und er war natürlich mächtig stolz, fotografieren zu dürfen. Ich lächelte nur in mich hinein und dachte, wenn er Bio und Physik nur genau so schnell und gut begreifen würde, wie die Funktionalität meiner Digitalkamera! Stephen geht in die form 2, wird im Sommer 16 Jahre alt und ist halt ein richtiger Teenager. Die erste Begegnung verlief dort nicht ganz so "stürmisch" wie bei dem kleinen Stephen in Kwa Watoto, war aber dennoch herzlich. Sein Englisch ist wiederum so gut mit Eigenkreationen gespickt, dass ich manchmal kein Wort verstanden hab. Er redete ständig von Problemen mit seinem "boka" und bis ich endlich begriff, dass es sich um sein "bike" (also Fahrrad) handelte, vergingen so einige Minuten und ich musste ständig nachfragen.
Als ich sah, dass er neue
Turnschuhe trug, fragte ich gleich nach, wann er denn seine neuen
Sportsachen bekommen hat und ein Strahlen flog über sein
Gesicht. Er trug seine neuen Sachen nämlich unter dem Schulpullover
und hatte sie eine Woche vor dem
Ausflug
erhalten. Er war so glücklich über darüber. Sowieso
scheint der Sport in St. Maths eine große Rolle zu spielen,
insbesondere Fußball. Auch die Mädchen redeten gern
über ein kommendes Schul-Fußball-Match.
Faszinierend fand ich auch die Mode in St. Maths. Ein Mode-Gag war wohl, eine Seite des Hemdes oder der Schulbluse heraushängend zu tragen, während die andere Seite in die Hose oder den Rock hineingesteckt wurde. Manchmal hab ich mich selbst gefragt, was ich denn auch anderes erwartet hätte - natürlich sind die Kinder Teenager wie in Deutschland auch und so einiges hat mich an meine eigene Schulzeit erinnert.
In St. Mathew wurde ich mit vielen Fragen über Deutschland konfrontiert. Da ging es um ernsthafte Dinge wie Arbeitslosigkeit und HIV/AIDS, aber auch um lustige Fragen wie: "Are there really dog-animals swimming in the Sea?". Nach kurzem Nachdenken fragte ich zurück: "Ah, do you mean seals?" und das Mädchen nickte eifrig und lachte. Eine Patin muss ihrem Patenkind von Seehunden und Robben geschrieben haben, das muss nachhaltig beeindruckt haben. Ich habe kurz von den Robben erzählt und mir ganz fest vorgenommen, meinen Patenkindern Fotos von Robben und anderen unbekannten Tieren zu schicken.
In
St. Maths habe ich auch ein Mädchen namens Anne kennen gelernt
und während ich meine Fotos zu Hause durchsah, ist sie mir
wieder ganz besonders aufgefallen. Erst als ich die Vermittlungsfotos
von Tine sag, erfuhr ich, dass Anne noch gar keine Patin hatte.
Ein paar Tage später war mein vierblättriges Harambee-Kleeblatt
mit Anne komplett und ich bin sehr glücklich darüber.
Nachdem nun zwei Monate seit der Reise nach Nairobi vergangen sind, denke ich immer noch jeden Tag daran. Keine andere Reise hat mich bisher so beeindruckt wie Nairobi. Zum einen Teil sicherlich durch den persönlichen Bezug, den ich zu den Kindern habe. Und während ich mir vorher vieles anhand anderer Fotos, den Briefen oder Reiseberichten anderer Paten vorgestellt habe, habe ich vieles vor Ort nun selbst gesehen und das bisherige "an die Patenkinder denken" ist nun durch echte Erinnerungen und Erlebnisse ergänzt. Diese Reise hat mich davon überzeugt, dass Harambee Kwa Watoto eine gute und wichtige Arbeit leistet. Die Hilfe kommt an und die Kinder, Carolyne und Nehemiah und andere Paten persönlich kennen gelernt zu haben, hat mein Leben sehr bereichert.
Sicher sind etliche Dinge, die man dort sieht, nicht schön oder sehenswert (z.B. die Lebensbedingungen im Slum). Aber die Herzlichkeit der Menschen vor Ort und das Lachen der Kinder, ihr Interesse an allem und das Strahlen, wenn man Kwa Watoto betritt - das übertrumpft alles.
Ich
sehe die Welt heute ein Stück mit anderen Augen. Das wurde
mir auch gleich am ersten Tag im Büro bewusst. Einer meiner
Kollegen war der Meinung, es sei Zeit für Frühstück
und sagte: "Wollen wir Frühstücken gehen? Ich habe
Hunger!". Mein erster spontaner Gedanke war: "Du weißt
gar nicht, was echter Hunger ist." Und ich dachte an Nairobi
und die Essenverteilung in Kwa Watoto. In dem Moment war ich über
mich selbst erschrocken, weil ich die Floskel des Kollegen ja
gut verstehen kann und sie mir selbst auch oft genug herausrutscht.
Heute denke ich in solchen Momenten an Nairobi, wo im Slum eben
oft wirklicher Hunger herrscht.
Diese Reise möchte ich nicht unbedingt als Urlaubsreise bezeichnen. Ich empfand es teilweise als anstrengend: die vielen neuen Eindrücke, das Konzentrieren auf die vielen Kinder, ihre Namen und das Durcheinandergerede auf Englisch, die Hitze, der Staub, das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit, wenn man sich in einem Slum befindet. Zeitweise empfand ich den Zustand eines absoluten "Overload". Ich konnte keinen weiteren Kindernamen nebst dem dazugehörigen Gesicht mehr abspeichern. Man hätte mich neben dem Hotel absetzen können und ich hätte das Gefühl gehabt, nicht zu wissen, wo ich bin. Viele Dinge sind mir erst in Deutschland so richtig bewusst geworden, kleine Episoden, Worte, Bilder, "How are you? How are you?"
Nach meiner Nairobi-Reise erhielt ich meinen allerersten Brief vom kleinen Stephen aus der dritten Klasse. Er schrieb: "I really miss your company, wish you could have stayed some more weeks in Kenya!". Ich musste einerseits lächeln und gleichzeitig war ich traurig. In dem Moment hab ich mir so sehr gewünscht, dass sekundenschnelle Beamen von einem Ort zum anderen gäbe es nicht nur im Film, sondern auch in der Wirklichkeit. Wenn ich heute an die Zeit in Nairobi denke, dann denke ich gern daran zurück. Und gleichzeitig denke ich gern an die Zukunft! Wie wird es wohl sein, wenn ich mein Harambee-Kleeblatt in Nairobi wieder sehe?
© Christine Rauhut 2004-2006