
Erst im August 2006 bin
ich Patin bei Harambee Kwa Watoto geworden. Seitdem schaue ich
immer wieder im Forum nach. Im Oktober las ich dort folgende Frage:
Patenreise 2007. Wer kommt mit? "Ich ganz sicher nicht",
war mein erster Gedanke. Seit mehreren Jahren wartet das eine
oder andere Kind in einem anderen auch fernen Land auf meinen
Besuch und noch nie war mir die Zeit günstig. Aus vielen
Gründen war es für mich immer noch ein ferner Traum
Und nun sollte ich hier gleich mitfahren?
Aber
ja! war die spontane Antwort auf eine direkte Frage. Überwältigt,
könnte man sagen. Meine Familie meinte noch schnell, dass
es kein Problem wäre, und schon hatte ich meinen Flug gebucht.
Zu dem Zeitpunkt konnte ich es selber noch nicht ganz glauben.
Doch dann kamen die nötigen Vorbereitungen: Impfungen, Visum
und was man so braucht. Und alles ging sehr schnell. Die Zeit
flog dahin und der Februar kam. Erst am Abend vor dem Flug war
die Aufregung da. Das Treffen mit den anderen Paten, die völlig
unbekannte Umgebung in Afrika und die Kinder, alles war neu und
spannend.
Die
Ankunft in Nairobi, mit etwas Verspätung, nach Mitternacht,
die Umgebung in Dunkelheit gehüllt. Doch die Gerüche,
die laue nächtliche Luft, die Konturen der wenigen Bäumen
am Straßenrand, Fahrzeuge und Menschen, alles steckte voller
Verheißungen. Diese würden sich am nächsten Tag
im Licht der erwachenden Stadt erst richtig offenbaren. Ein erster
Blick vom Balkon unseres Hotels über die River Road: Ein
Fluss aus Menschen, der Richtung Stadtzentrum rann, ein Meer von
Matatus, die hupend, quietschend, brummend sich einen Weg bahnten.
Nach dem Frühstück tauchten auch wir mit unserem Taxi
in dieses Meer Richtung Osten ein und bekamen die bunten Bilder
dieses morgendlichen Lebensflusses geboten.
Es dauerte eine ganze
Weile bis zur Schule, diese Zeit war kostbar. Die Straßenränder
waren voller Menschen. Dazu Waren aller Art. So viele staubige
Sofas, so viele Bettgestelle, kleine Portionen Kohle abgezählt
in alten Dosen, Mangos und Bananen, farbige Reißverschlüsse,
ordentlich aufgereiht, geröstete Maiskolben, alles wurde
feilgeboten am Straßenrand.
Auch
der Müll. Wir fuhren am Mathare Valley vorbei. Von oben schienen
die Hütten in ihrer extremen Enge gar keine Wege frei zu
lassen, von oben gesehen glich es einem ruhigen See aus Wellblech,
in der Sonne schimmernd. Zur Straße hin öffneten sich
schmale, düstere Gassen, dreckige Läden und zerfallende
Stände wie eiternde Wunden. Dazwischen hockten, spielten
Kinder, verlorene, verschmutzte Schätze einer Zukunft, an
die keiner mehr denkt. Wir sahen immer wieder weite Flächen,
braches Land, durchkreuzt von Eisenbahnschienen und laufenden
Menschen. An der Seite, wie vergessen, der Nairobi Fluss, vor
sich hin gammelnd. Die asphaltierte Straße verabschiedete
sich zwischen halberrichteten Gebäuden mit kleinen Läden
und ausgefallenen winzigen Geschäften zur Vorderseite hin.
Wir waren in Soweto eingebogen. Das Bild wiederholte sich: die
kleinen Verkaufstände, die staubigen Sofas, die Ziegen auf
den Müllhaufen, die waschenden Frauen und der fröhliche
Chor der grüßenden Kinder.
Soweto
war genau so dreckig und so armselig wie alles, was wir schon
gesehen hatten. Es lag aber weiter außerhalb und es kam
mir luftiger vor, offener, nicht so gedrungen oder erstickend,
hatte fast etwas Vornehmes an sich Als wir zum blauen Schultor
von Kwa Watoto hinunterfuhren, sahen wir die karge, leere Landschaft
dahinter. Hier war also das Ende. Hinter den letzten Häusern
schlängelte sich der verschmutzte Fluss, die Marabus kreisten
über dem Müll und den Kloaken, und der weite Himmel
verlor sich zusammen mit der Grasfläche am Horizont.
Die
Schulgebäude wirkten von außen mit ihren weiß
gestrichenen Balkonen freundlich. Der Schulhof war leer. Die Kinder
waren im Unterricht. Gleich würden wir hinein gehen. In der
4. Klasse war es ziemlich dunkel und der Raum voller Kinder. Ich
erkannte Lilian sofort. Sie lächelte verlegen, ich lachte
auch verlegen und winkte. Wir schauten uns eine ganze Weile an,
so lange die Paten sich in der Klasse vorstellten. In der 3. Klasse
war es noch dunkler und der Raum war noch voller Kinder, um die
80, sagte die Lehrerin. Nduku fand ich nicht. Sie wurde gerufen
und wir begrüßten uns verlegen lächelnd, neugierig
musterten wir uns gegenseitig.
Dann ging es weiter durch
verschiedene Klassen. Die ganz Kleinen konnten gar nicht aufhören
zu singen. Wir gingen in den Klassen ein und aus, meist dunkle
Räume, die vor der Begeisterung, von der Freude, der Neugier
der kleinen und großen Schüler vibrierten. Später
auf dem Schulhof gab es große Versammlung. Diese ging in
die Pause über. Nduku und Lilian fanden sich bald bei mir
ein. 
Später kamen Ndukus große und kleine Schwester und
noch einige Freundinnen dazu. Irgendwann hatten sie meine Hand
genommen und so standen wir herum, in der Mittagssonne, in den
Staubwolken, die der Wind aufwirbelte. Das genügte uns.
Was danach kam, waren schöne, erfüllte Tage. Tage für fröhliche Ausflüge, zur Teilnahme im Unterricht, für Spiele auf dem Schulhof, zur Verteilung von Freude in Form von Briefen, Geschenken oder Schulmaterial. Tage des Zusammenseins. Tage zum gastfreundlichen Essen mit Carolyne und Nehemiah. Tage zum Besuchen von St. Mathew mit den älteren Schülern und zum Einkaufen im Supermarkt. Tage zum Sammeln von Erinnerungen für später, für Briefe, Berichte für die, die nicht dabei sein konnten, für einen selbst.
Ein letztes Mal durch das blaue Tor, ein Abschied. Eine kleine Welt bleibt dahinter. Eine Welt, wo Hoffnung und Würde überleben. Die Schule mutet mich an wie eine Insel mitten in der Armut der Slums. Innerhalb der Schulmauer kann die ganze Misere herum diesen Kindern nichts anhaben. So habe ich sie dort gesehen: leuchtend vor Schönheit, sprudelnd vor Neugier, strahlend vor Begeisterung und voller Mitgefühl und Hoffnung.
© Christine Rauhut 2004-2007